Kollegen und Hochsensibilität: Zart im Nehmen – Buch-Outtake Nr. 2

Ein Job könnte einfach ein Job sein, den wir tun. Und die Kollegen und der Umgang miteinander könnten uns „egal“ sein. Es ist schließlich nur ein Job. Wir könnten hingehen, arbeiten und wieder weggehen. Das mag für den einen oder anderen so funktionieren – für die meisten hochsensiblen Menschen ist das jedoch keine gute Option. Vor allem nicht auf Dauer …

Dass Kollegen keine Freunde werden müssen, da sind wir uns wohl alle einig. Aber dass die Zeit, in der wir arbeiten gehen eine Zeit ist, in der die Begegnungen mit anderen Menschen uns nicht weiter berühren und wir unsere Emotionen und unsere Bedürfnisse unterdrücken – das ist für Menschen mit hoher Wahrnehmung kaum möglich. Wir lieben echtes Miteinander sowie wertschätzende Kommunikation und wünschen uns eine Atmosphäre von emotionaler Offenheit. Dabei geht es nicht darum, Arbeitszeit mit Gefühlsduselei zu verschwenden, sondern darum, sich als Mensch ganzheitlich zeigen zu dürfen. Und das – oh Wunder – wirkt sich sogar positiv auf unsere Leistung aus. Nun ist es allerdings so, dass viele Menschen weder gewohnt sind, ihre Emotionen ernst zu nehmen geschweige denn über sie zu sprechen – vielleicht auch, weil sie ihre Emotionen nicht so intensiv wahrnehmen und verarbeiten wie hochsensible Menschen.

Was also tun? Anpassen? Unwohl fühlen? Ein schlechtes Klima bei der Arbeit akzeptieren? Und die Folgen, die das für unseren Selbstwert und unser Immunsystem hat, einfach so hinnehmen? Oder einfach mal schwelende Konflikte ansprechen? Emotionen zeigen? Mutig sein?

Kollegen: Olivers Geschichte

Ich war gerade neu in der Firma, schaute erst einmal, wie ich mich in das soziale Gefüge einsortieren kann und dann? Passte ich mich an. Lachte über den einen oder anderen flachen Witz eines Kollegen genauso laut, wie die anderen, obwohl ich das sonst nicht tue. Umgekehrt nahmen meine Kollegen mich auch genau unter die Lupe. Was ist das für ein Typ? Wo kommt der her? Was hat er bisher gemacht? Ich antwortete gerne auf solche Fragen, zeigten sie doch ein gewisses Interesse an mir und meiner Person. Ganz wichtig für mich als hochsensibler Mensch: das Gefühl dazuzugehören. Ein harmonisches Arbeitsumfeld. Wertgeschätzt zu werden. Nicht nur für meine Arbeitsleistung.

Der neue Job

Anpassung. Wie ich dieses Wort hasse. Und doch ist es ein Stück weit unvermeidlich. Gerade, wenn es um einen neuen Job geht. Das ist auch so ein Thema. Ich gehe Kompromisse ein, um Konflikte zu vermeiden. In Sekundenbruchteilen nehme ich Stimmungsschwankungen war. Ich kann einen Raum mit Menschen betreten und innerhalb weniger Sekunden habe ich ein Gefühl für die Stimmungen in der Runde. Ich scanne unbewusst und intuitiv, wie es den anderen geht. Mein Bauch gibt mir hierzu eine klare Wahrnehmung. Nicht mein Kopf. Der ist mit anderem beschäftigt. Zum Beispiel mit der Rolle. Als Mensch mit solch einer großen Reizwahrnehmung und Gefühlsintensität musste ich eine Art Maske entwickeln. Das dachte ich zumindest jahrelang. Als Überlebensstrategie sozusagen.

Nach einer tiefen Lebenskrise kam ich intensiv mit dem Thema Hochsensibilität in Berührung. Mit meinem wahren Kern. Eine der ersten Empfehlungen, die ich aus Büchern und Gesprächen mitnahm, war: sei authentisch. Vertraue deiner Wahrnehmung und Deinen Gefühlen. Traue dich, diese nach außen zu kommunizieren. Keine Anpassung mehr, sondern echt sein. Echt sein dürfen – das erfordert Mut.

Der Kollege

Zurück in die neue Firma. Wenige Wochen nach meinem Beginn, bekam ich die Gelegenheit, diesem neuen Selbstverständnis zu folgen. Ich hatte schon länger gespürt, dass der Kollege, der mich eingearbeitet hatte, mir aus dem Weg ging. Wenn wir gemeinsam im Aufenthaltsraum saßen, las er entweder ganz konzentriert Zeitung oder verließ den Raum schnell wieder. In den Tagen zuvor hatte es ein paar Momente gegeben, in denen ich mich nicht wohl gefühlt hatte in dem Kontakt zu diesem Kollegen. Wenn die Chefs nicht da waren, übernahm er meist die Taxizentrale. Das hieß, er musste die eingehenden Fahrten auf die Fahrer verteilen. Er fühlte sich offenbar wohl in dieser Rolle. Kein leichter Job, das alles zu koordinieren, keine Frage. Das verstand ich. Was ich gar nicht verstand, war sein veränderter Ton mir gegenüber, sobald er in dieser Position war.

Der Konflikt

Einmal passierte es, dass mir nach einer zweistündigen Wartezeit vor einem Krankenhaus der Wagen nicht mehr ansprang. Die Batterie war leer. Der Pannendienst musste gerufen werden. Die Aktion dauerte somit um die vier Stunden. Als ich zurückkam, war mein Arbeitstag beendet. Der Kollege zitierte mich ins Büro. Zum Rapport. Ich solle doch darauf achten, bei Standzeiten die Batterie zu schonen, die Verbräuche abzustellen – Radio genauso wie Funk. Was ich selbstverständlich gemacht und was er schon zuvor am Telefon von mir erfahren hatte. Dieser Vorfall markierte den Anfang unserer Eiszeit. Danach bekam ich immer mehr das Gefühl, von dem besagten Kollegen nicht richtig ernst genommen zu werden. Alles wurde mir zweimal oder dreimal gesagt. Als wäre ich bekloppt oder könne mir nichts merken. Und dann der Tonfall.

Der Weg ins Vertrauen braucht Mut

Ich war neu und ich war hin und hergerissen. Soll ich mich schon nach wenigen Wochen hier unbeliebt machen, indem ich eine unausgesprochene Unstimmigkeit anspreche? Ich war mir sicher, dass von seiner Seite aus in dieser Hinsicht nichts kommen würde. Ich sollte recht behalten. Ich wartete noch eine Woche ab und dann fasste ich mir ein Herz. Ich wollte das, was ich neu über meine besondere Veranlagung gelernt hatte, umsetzen. Ich wollte zu mir stehen, für mich einstehen und vor allem mir vertrauen.

In der folgenden Woche ergab sich die Gelegenheit, dass wir beide alleine im Aufenthaltsraum waren. Zunächst herrschte wieder das eisige Schweigen. Mein Herz klopfe ein wenig schneller. Und dann tat ich es. Ich sprach ihn an: „Darf ich dich mal etwas fragen?“. Ich schilderte ihm die Ereignisse der letzten Wochen, auch die Episode mit der Batterie. Sofort rutschte er ein wenig mehr auf seinem Stuhl hinab. „Kann es sein, dass du mit mir als Neuen anders umgehst, als mit den Kollegen, die du seit Jahren kennst. Nimmst du mich als neuen Kollegen überhaupt ernst?“ Die Antwort war ernüchternd. Ja – er würde mich ernst nehmen und nein, er ginge mit den Anderen nicht anders um als mit mir.

Was wir hören und was wir fühlen

Ich hörte seine Worte, meine Wahrnehmung flüsterte mir allerdings etwas anderes ein. Was ihn betrifft, musste ich ehrlich zu mir sein: Ich hatte im Grunde keine andere Reaktion erwartet. Und was er sagte, war auch gar nicht so wichtig. Viel entscheidender war, dass ich etwas gesagt hatte. Dass ich meinen Mut zusammen genommen hatte und meine Empfindungen und meine Wahrnehmungen aussprach. Meiner Verletzlichkeit und meinem Unmut Ausdruck verlieh. Alles im angemessen Ton versteht sich. In den kommenden Tagen spürte ich eine viel größere Klarheit in mir. Auch gegenüber dem Kollegen. Er wusste jetzt, dass ich ganz sicher nicht alles so hinnehmen würde. Meine Anpassung und meine Einschüchterung waren zu einem großen Teil gewichen.

Neue Wege

Knapp ein Jahr später wurde ich aus der Firma entlassen. In den darauffolgenden Monaten gab es immer wieder Vorfälle aufgrund einer fehlenden Kommunikationsfähigkeit und unausgesprochenen Vorwürfen von den anderen. Ich führte noch weitere Gespräche mit Kollegen. Ohne merkliche Veränderung. Diese Kündigung war der Preis dafür, dass ich das erste Mal in meinem Leben zu mir und meiner Intuition stand. Ihr vertraute und mich nicht verbiegen lies. Ein Preis, den ich auf dem Weg zu mir selbst und der Annahme meiner sensitiven Anlage gerne zahlte.

Diese Geschichte hat mir Oliver Domröse im Sommer 2015 erzählt

Mut statt Selbstverleumdung

Welchen Mut Oliver aufbringen musste, um diesen ersten Schritt raus aus der Anpassung zu machen, kann ich gut nachvollziehen. Denn solche Schritte haben eben nicht nur etwas damit zu tun, sich zu zeigen und zu sich zu stehen, sondern auch, mit möglichen Konsequenzen umzugehen – wie zum Beispiel einer Kündigung. Und unser sensibles System bezieht diese Risiken unbewusst mit ein, bevor wir überhaupt von ihnen „wissen“ und weit bevor sie eintreten. Das macht die emotionale Hürde nicht gerade kleiner. Ja – Mut kann Risiken erzeugen und fordert von uns im Zweifel sogar existenzielle Flexibilität. Und vielleicht fragt sich der eine oder andere, warum es gut sein soll, sich so zu zeigen wie man ist, wenn das bedeuten kann, den Job zu verlieren.

Meine Antwort darauf ist ganz klar: Weil es keine gesunde und nachhaltige Alternative gibt. Denn wenn wir uns anpassen, verleugnen wir uns selbst, hängen in einem Job fest, der uns auf Dauer nicht weiterbringt und sind mit Menschen zusammen, mit denen wir nicht viel gemeinsam haben. Was das auf Dauer mit dem Selbstwertgefühl und der psychischen Gesundheit macht, ist fatal: Der Fokus unseres Schaffens und Seins richtet sich mehr und mehr auf unsere vermeintlichen Schwächen und statt „größer“ werden wir „kleiner“. Persönliches Wachstum? Zufriedenheit? Fehlanzeige! Es ist wichtig, dass wir zu uns stehen, unsere Stärken sehen und uns zeigen. Das erfordert nicht nur Mut sondern oft genug auch eine Menge Kraft. Kraft, die sich lohnt zu investieren, denn sie wird uns dazu führen, dass wir das tun, was uns liegt, dass wir uns entwickeln und unseren Platz in der Gesellschaft finden.

Oliver heute …

Oliver Domröse, der mir seine „Kollegen“-Geschichte im Laufe der Buch-Recherchen zu ZART IM NEHMEN zur Verfügung gestellt hat, ist das beste Beispiel dafür, dass es sich lohnt auch unbequeme Wege zu gehen: Heute ist er erfolgreicher Blogger (www.simplyfeelit.de) und Autor des Buches „Der sanfte Krieger“ zum Thema Hochsensibilität und Männer.

 

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