Vollmond für Hochsensible

Meine esoterischen Zeiten sind lange vorbei. Heute bezeichne ich mich als bodenständig-spirituell. Doch der Vollmond hat eine besondere Wirkung auf mich. Nicht jedes Vollmond-Erlebnis ist intensiv. Doch diese Geschichte ist einzigartig und ein echtes Schmankerl – nicht nur für Hochsensible …

Am 20.07.2016 war die Sommerfest-Organisations-Vorferien-Phase gerade vorbei und meine Große hatte ein gutes Zeugnis mit nach Hause gebracht. Wir hatten etwas gefeiert und es war ein langer Tag gewesen. Und ich? Ich hatte das dringende Bedürfnis abends endlich mal wieder mit meiner Kamera loszuziehen – allein. Die Lichtverhältnisse waren nicht besonders schön. Aber ich freute mich auf die Ruhe in der Natur. Als ich mein Ziel erreicht hatte, stieg ich aus dem Auto und lief los. Die Stimmung war gedrückt und dann hörte ich sie – die Sirenen. Die freiwillige Feuerwehr im nächsten Ortsteil war nicht weit entfernt und der ganze Spaziergang war begleitet von dem ohrenbetäubenden Lärm der Einsatzfahrzeuge, die auf der nahegelegenen Landstraße entlang fuhren. Das Sirenengeheul wollte und wollte nicht aufhören.

Erstens kommt es anders

Ich war frisch angefüllt mit achtsamem Gedankengut von einer Fortbildung in Berlin und dachte mir: “Okay Kathrin, das ist hier jetzt nicht so still, wie Du es Dir vorgestellt hast und alles andere als schön. Aber Du nimmst das jetzt so und störst Dich nicht dran. Deine Gedanken dürfen weiterziehen – oooommmm!”

Mental habe ich das besser hinbekommen als ich das von mir kenne, aber mein feinfühliges Nervensystem reagierte dennoch … In mir wurde es unruhig. Und als die Sirenen lange genug durch die Gegend schrien kamen tausend Gedanken: “Ist das bloß eine Übung? Was ist denn da bloß passiert? Muss das denn gerade jetzt sein? Kathrin, schäm dich für diese Gedanken – es gibt gerade Menschen, die Hilfe brauchen und Du störst Dich an den Sirenen! Ah – ist das laut!!!” Und so weiter und so weiter.

Ich kehrte resignierend um und stapfte achtsam trotzig über die Felder, hatte überhaupt keinen Nerv meine Kamera auszupacken und ja – ich ärgerte mich dann irgendwann doch und die Überreizung war nicht weit.

… zweitens dann doch schön.

Und dann das: Kurz bevor ich beim Auto angekommen war, fuhren die Einsatzfahrzeuge zurück, es wurde still und leise. Endlich! Ich entspannte mich und atmete tief durch.

Gelöst aber immer noch durch die Geräuschkulisse der letzten 10-15 Minuten gereizt, ging ich zum Auto und wollte gerade einsteigen, als ich den Blick in die Ferne schweifen ließ. Ich traute meinen Augen kaum. Bei dem Bild, was sich mir zeigte, kamen mir fast die Tränen. Ich liebe den Vollmond und ich hatte vor lauter Stress der letzten Tage nicht mitbekommen, dass es mich – mal wieder – genau in einer Vollmondnacht am Abend in die Natur zieht. Wenn ich mir den Vollmond anschaue, tanke ich immer auf. Er ist für mich wie eine Akkuladestelle. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob das was mit Hochsensibilität zu tun hat oder nicht. Für mich jedenfalls ist das jedes Mal wieder ein wunderbar, hochsensibles Erlebnis.

Am Horizont zeichnete sich der Vollmond rosa und riesig vor einem dunklen Wald ab. Erst ein ganz kleines Stück und dann immer weiter und weiter bis die ganze Schönheit des Mondes den Himmel schmückte. Ich ging wie hypnotisiert über die Straße, dankte der Natur und ihrem Schöpfer für diesen Augenblick der stillen Schönheit und Stärke und ging dem Mond entgegen. Die Geschichte von vorher war vergessen – bis heute.

Ja, bis heute. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich das Bild vom RAW ins JPG-Format gewandelt hatte und es auf Facebook posten wollte. Denn da merkte ich, dass ich dazu keinen kurzen Text schreiben kann, sondern meine Kreativität nach einer Schaffenspause wieder anfängt zu glühen. Ganz gleich ob der Sommer jetzt vorbei ist oder nicht: Es kann wieder losgehen. Ich bin wieder da, Leute!

Dieser riesige, rosa leuchtende Vollmond hatte die Kraft, den Stress von vorher wegzuwischen. Ich packte meine Kamera aus und lief einen Weg neben dem Maisfeld entlang Richtung Mond. Eine Wohltat. Ich war dankbar. Und demütig. Und grinste bis über beide Ohren. Schnell den ISO-Wert hochgedreht machte ich ein Foto nach dem anderen … wunderschön. Eine Foto-Meditation. Das war ein echtes Geschenk und ich genoss jede Millisekunde und atmete die Schönheit des Moments tief ein.

Und drittens oft sehr intensiv!

Bis zu dem Moment, wo es neben mir im Maisfeld grunzte!

“Oh”, dachte ich, “das klingt nach Wildschweinen.” Faszinierend ist für mich im Nachhinein, dass ich komplett ruhig blieb. Ich konnte das Feld nicht einsehen. In Maisfelder kann man nicht reinschauen – schon gar nicht in der dunkelblauen Stunde. Es raschelte und ich dachte mir. Ich stehe hier ja nur mit der Kamera und die Wildschweine, die dürfen hier gerne durch das Feld Richtung Wald laufen.

Erst fotografierte ich weiter. Allerdings sehr aufmerksam. Als es dann immer wieder raschelte, entschloss ich – immer noch ruhig und sehr in meiner Energie bleibend – umzukehren und ganz ruhig aber zügigen Schrittes zum Auto zu gehen. Ich trennte mich jetzt doch lieber von dem Anblick des Mondes, denn ich hatte keine Ahnung, ob die Frischlinge noch so klein waren, dass die Bache aggressiv auf Menschen reagiert oder nicht. Doch darüber wollte ich an dieser Stelle jetzt nicht das kollektive Wissen des Internets befragen und ließ mein Handy schön in der Tasche.

Es ging alles gut aus: Ich kam heil beim Auto an, war immer noch tief beeindruckt von dem hochsensiblen Erlebnis mit dem Vollmond. Es grunzte und quietschte noch ein paar Mal laut im Feld. Ich warnte noch ein anderes Ehepaar, was Richtung Mond wanderte. Die beiden bedankten sich bei mir und erzählten, dass es im Moment in der Region sehr viele Wildschweine gäbe und traten dann auch den Rückzug an.

Und ich? Ich fuhr angefüllt mit Eindrücken, Geschichten und einer Erkenntnis nach Hause. Einer Erkenntnis, die ich erste heute in der für hochsensible Menschen so typischen Nachverarbeitung gewinne.

Erstens kommt es anders, zweitens dann doch schön und drittens oft sehr intensiv…!

Das Erlebnis, was ich dort in der Natur hatte, steht in meinem Verständnis stellvertretend für viele Gegebenheiten in unserem Alltag. Selbst wenn wir Ruhe brauchen und das zuerst nicht gelingt, macht es Sinn, die Situation so zu nehmen, wie sie ist. Wir können nicht alles planen. ABER: Es kann immer wieder schöne Überraschungen geben. Und wenn uns so ein schöner Moment geschenkt wird, dann dürfen wir genießen – denn im nächsten Augenblick kann schon wieder alles ganz anders sein …

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch den Mut zur Achtsamkeit, viele schöne überraschend-starke Momente und die Kraft, diese auch wieder loszulassen, weiterzugehen und das zu tun, was für das Leben notwendig ist.

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